Ich möchte ein Experiment mit dir machen. Bist du dabei? Dann schließe jetzt kurz deine Augen und stelle dir die typische Führungskraft vor. Was siehst du vor deinem geistigen Auge? Welche Eigenschaften hat diese Führungskraft? Ist es ein Mann oder eine Frau? Lächelt die Person oder sieht sie eher verschlossen aus? Was nimmst du noch wahr? Nimm dir einen kurzen Moment Zeit und lies dann weiter.

In unserem Kulturkreis ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du dir eine charismatische, dominante und extrovertierte Person vorgestellt hast. Eine Person, die kontaktfreudig und offen ist. Eine Person, die schnell Entscheidungen trifft und dabei jederzeit souverän wirkt. Die Visionen vertritt und die Mitarbeiter mitreißen kann. In den meisten Fällen denken wir außerdem, dass die typische Führungskraft männlich ist.

Aber ist das der einzige “Menschentyp”, der eine gute Führungskraft sein kann? Oder können auch Menschen gut führen, die introvertiert sind? Die nicht viel reden? Die Emotionen auch im Beruf zeigen? Die empathisch auf ihre Mitarbeiter zugehen?

Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass ein gut funktionierendes Unternehmen eine Mischung von beiden Typen benötigt. Jemanden, der visionär die Richtung vorgibt und Menschen mitreißen kann und jemanden, der sich anschließend darum kümmert, dass diese Visionen auch umgesetzt werden. Denn es ist wie so oft: die Mischung macht’s. Jeder Persönlichkeitstyp hat Stärken, die extrovertierten Typen treffen schnell Entscheidungen und treiben so Themen sehr schnell vorwärts. Sie sind häufig charismatisch und mitreißend, können Visionen mit ihren Mitarbeitern teilen.

Aber auch die introvertierten Persönlichkeitstypen haben Eigenschaften, die jedes Unternehmen benötigt. Sie sind zuverlässig und arbeiten so lange an den Themen, bis sie abgeschlossen sind. Sie hören gut zu, durchdenken die Themen, sind die eigentlichen Umsetzer. Viele sehr erfolgreiche Unternehmen haben introvertierte Geschäftsführer.

In vielen Firmen scheint diese erfolgversprechende Mischung jedoch noch weit entfernt zu sein. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Seminar für Nachwuchsführungskräfte, an dem ich teilnehmen durfte. Jeder Teilnehmer füllte einen Persönlichkeitstest aus und ermittelte so seinen Persönlichkeitstyp. In eine Matrix mit den Achsen “Introvertiert / extrovertiert” und “aufgabenorientiert / menschenorientiert” klebten wird dann einen Klebezettel an die Stelle, wo wir uns selbst sahen. Fast alle Zettel klebten in dem Viertel “extrovertiert / aufgabenorientiert”, in unterschiedlichen Höhen, aber im Prinzip in einem großen Cluster. Nur meiner nicht. Der klebte ganz tief im introvertierten / menschenorientierten Bereich.

Ich kam mir vor wie ein Alien. In dem Moment wurde mir klar, warum ich so vieles im Unternehmen nicht verstand, warum ich viele Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte. 99% der Führungskräfte tickten einfach ganz anders als ich! Ich wunderte mich über deren Verhalten und sie wunderten sich wahrscheinlich über meine zurückhaltende, ruhige und verschlossene Art. Ich hatte zwar vorher schon solche Tests gemacht und wusste, dass ich introvertiert bin. Aber dass der Unterschied – insbesondere zu den anderen Führungskräften – so groß ist, das ist mir erst hier klar geworden.

Das hat mich neugierig gemacht – konnte ich überhaupt eine gute Führungskraft sein? Oder jagte ich einem Phantom nach? Es war offensichtlich, dass ich “anders” war als alle anderen Teilnehmer dieses Seminars, dass ich andere Fähigkeiten und Stärken hatte. Und diese habe ich mir dann genauer angesehen und untersucht, ob diese für eine Führungskraft hilfreich sind. Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich sehr wohl eine gute Führungskraft sein kann. Beide Persönlichkeitstypen haben Stärken und Schwächen in Bezug auf Führung – daher ist die Mischung auch so wichtig.

Aber welches sind “typisch introvertierte” Eigenschaften, die du als Führungskraft nutzen kannst?

Ich beobachte gut, bin analytisch und verbessere Prozesse.

Ich habe einen guten Blick auf “das Gesamte”, schaue gern mal über den Tellerrand. Und ich bin kritisch. Daher verbessere ich quasi im Vorbeigehen mal hier eine Kleinigkeit und dann dort. Insgesamt helfe ich damit, die Gesamtqualität der Prozesse zu steigern.

Und ich treffe keine vorschnellen Entscheidungen, wäge die verschiedenen Fälle ab und versuche alle Seiten zufrieden zu stellen, eine Win-Win-Lösung zu erzeugen.

Ich kann gut zuhören und bin empathisch.

Andere Menschen sind mir wichtig. Ich höre zu, wenn sie mir etwas erzählen und nehme auf, was sie sagen. Und dann bemühe ich mich, für sie optimale Bedingungen zu schaffen. Auf die Bedürfnisse meiner Mitarbeiter einzugehen, aber auch auf die Bedürfnisse anderer Kollegen und Abteilungen.

Diese Stärke hilft daher besonders, wenn es um Konfliktlösung und Problembearbeitungen geht. Durch mein Harmoniebedürfnis arbeite ich intensiv daran, den Konflikt zu lösen und ihn nicht noch weiter zu verschärfen. Meine eigenen Interessen stelle ich da auch gern einmal zurück, um eine für das Unternehmen optimale Lösung zu finden. Das mögen mir einige Menschen als Schwäche auslegen, aber ich sehe das ganz klar als eine meiner Stärke an.

Ich bin verlässlich.

Wenn ich etwas zusage, halte ich mich dran. Ich kümmere mich darum, dass die Themen erledigt und abgearbeitet werden, dass den Worten auch Taten folgen. Auch Termine einzuhalten ist für mich wichtig.

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Ich kann gut kommunizieren.

Mir ist es wichtig, dass alle Mitarbeiter gut informiert sind, dass sie das große Ganze kennen und wissen, warum sie etwas tun. Denn nur wer weiß, in welche Richtung es gehen soll und welchen Anteil er selbst an diesem Ziel haben kann, kann auch Höchstleistungen abliefern.

Mir ist der Mensch wichtig, nicht nur der Mitarbeiter.

Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Jeder Mensch hat Stärken und die gilt es zum Einsatz zu bringen. Wenn jemand immer entgegen seiner Stärken arbeiten muss, kann er nicht zeigen, was er kann. Wenn man aber den Aufgabenbereich nur geringfügig anpasst, verbessert sich die Situation häufig gleich wesentlich.

FAZIT

Weder die extrovertierten noch die introvertierten Menschen sind die besseren Führungskräfte. Beide Typen haben Stärken, die sie gewinnbringend in ihrem Job einsetzen können. Eine gesunde Mischung scheint dabei den größten Erfolg für die Unternehmen zu versprechen. Da die introvertierten Führungskräfte (noch) in der Unterzahl sind, braucht die Welt mehr davon! Wenn du ein introvertierter Mensch bist und überlegst, ob du in Führung gehen solltest, trau dich!